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Monteverdis "LOrfeo" in Wien, Theater an der Wien, 25.02.2007
Am 29. Januar 2005 hatte die Purcell-Oper "Dido & Aeneas" in einer Choreographie von Sasha Waltz im Luxemburger Theatre de la Ville Premiere; Vorstellungen folgen in Montpellier und an der Berliner Staatsoper. Dieses Projekt, eine Koproduktion zwischen dem Ensemble von Sasha Waltz, der Akademie und den drei Opernhäusern, ist das erste gemeinsame Projekt dieser Art. Sasha Waltz, die mehrere Jahre der Leitung der Berliner Schaubühne angehörte, hat mit ihrer Compagnie das Theater zum Jahresende 04 verlassen. "Dido" ist die erste Produktion, die unter diesen neuen Bedingungen entstehen wird. Hierzu ein Interview mit Sasha Waltz und Jochen Sandig aus der Berliner Zeitung vom 29.11.04: Frau Waltz, Herr Sandig, Sie ziehen diese Woche mit Ihrer Compagnie aus der Schaubühne aus und in ein wunderschönes Pfarrhaus mit großem Garten, gleich bei den Sophiensælen. Hatten Sie zu wenig Platz? Sasha Waltz: Nein, im Gegenteil, es war uns dort eher zu groß. Wir werden weiterhin in der Schaubühne auftreten, aber als unabhängige Compagnie. Die eigenen Büro- und Probenräume sind für unsere Unabhängigkeit das Wichtigste, darin manifestiert sie sich doch erst. Jochen Sandig: Wir bündeln jetzt alle Kräfte des Tanzes, die vorher über das ganze Theater verteilt waren. Der Zusammenhalt unserer Gruppe hat sich an der Schaubühne etwas aufgelöst. Das lag weniger an der räumlichen als an der strukturellen Größe. Das ganze Prinzip des Angestellten-Seins stimmte für uns nicht. Jetzt werden wir eine Küche haben, täglich zusammen kochen, im Sommer können wir im Garten essen, und wir wohnen wieder im Zentrum. Hier kommen viele Bekannte vorbei, das war an der Schaubühne nicht möglich, dass jemand einfach mal so vorbeischaut. Sasha Waltz: Als unsere Eigenständigkeit entschieden war, gab es bei den Tänzern ein gewaltiges Aufatmen. Wir wussten, dass sie sich nicht mit den Strukturen an der Schaubühne identifizieren, aber dass es so tief greift, hatte ich nicht geglaubt. Jetzt weiß jeder, an wen er sich wenden muss, man hat einen direkten Partner, der dann auch tatsächlich die Entscheidungen fällt. Es geht nicht mehr über hunderttausend Ecken und am Ende weiß niemand, mit wem man sich eigentlich auseinandersetzt. Hat sich Thomas Ostermeier den Leitungsaufgaben an der Schaubühne einfach mehr gestellt? Sasha Waltz: Ich weiß nicht, ob man so ein Haus nicht auch ganz anders leiten könnte. Dieses gesamte Theatersystem ist sehr hierarchisch, jemand sitzt ganz oben und hat die Macht und kontrolliert alles. Für uns passt das nicht, meine Arbeit ist sehr kollektiv, es gibt darin keine Hauptrollen und Nebenrollen. Es geht eher um Vertrauen und Verantwortung, als um Hierarchie. Sie inszenieren gerade gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik Ihre erste Oper, Henry Purcells "Dido & Aeneas". Wie kam es dazu? Sasha Waltz: Die Oper sollte ursprünglich als Kooperation von Staatsoper und Schaubühne realisiert werden. Aber die Direktion der Schaubühne hat sich schließlich auch aus kultur-politischen Gründen dagegen entschieden, weil neben den "drei Opernhäusern in Berlin nicht auch noch ein Theater Opern produzieren muss". Wir konnten das verstehen, aber wollten dennoch dieses Stück unbedingt machen. Und wir haben das geschafft! "Dido & Aeneas" ist unsere erste freie Produktion mit der neuen Compagnie. Jochen hat neben der Staatsoper noch das Grand Théâtre de Luxembourg und die Alte Oper in Montpellier als Koproduktionspartner gewonnen. Außerdem trägt der Hauptstadtkulturfonds maßgeblich mit zur Finanzierung bei. Wir sind jetzt Produzenten eines Stücks für 12 Tänzer, 16 Choristen, 7 Sänger und 28 Musiker. Was hat Sie an dieser Musik gereizt? Sasha Waltz: Ich liebe diese Musik. Aus großem Respekt heraus habe ich mir viel Zeit gelassen und mich ihr langsam genähert. Mein letztes Stück zu Schuberts "Impromptus" markiert den ersten Schritt. Gerade in der Schönheit der Musik lauert eine unglaubliche Gefahr. "Dido & Aeneas" ist klar strukturiert, chorisch, das kommt meiner Arbeitsweise entgegen. Oper ist nicht von Sprache dominiert, man kann darin alles über die Körper erzählen. Im Schauspiel ist die Sprache so dominant, dass man kaum mehr körperliche Bilder schaffen kann. In der Oper geht das. Aber irgendwann einmal möchte ich auch ein Schauspiel inszenieren. Ihre Compagnie wird, wie früher als Sie vor Ihrer Schaubühnen-Zeit frei arbeiteten, wieder Sasha Waltz & Guests heißen. Wieso "Guests", es wird doch ein festes Ensemble? Sasha Waltz: Ich entwickle meine Stücke mit den Tänzern gemeinsam. Sie lernen viel von mir, und durch diese Arbeitsweise werden sie ermutigt eigene Choreographien zu realisieren. Vielleicht verliere ich dadurch einen Tänzer, aber gewinne einen Choreographen - Luc Dunberry ist das beste Beispiel. Für die Oper arbeite ich mit einem fast völlig neuen Team. Es ist jetzt die nächste Generation, für mich schon die dritte und vierte Generation seit meinen Anfängen. Die "alten" Tänzer sind weiterhin als Gäste aktiv dabei, aber "Guests" umfasst für mich mehr. Wir verstehen alle Mitarbeiter auch als Kreateure. Jochen Sandig: Der Name Sasha Waltz & Guests soll auch dafür stehen, dass wir diese Entwicklungen unterstützen. Wir wollen diese Vielzahl von Projekten und neuen choreografischen Entwicklungen begleiten und weitestgehend auch selbst produzieren. Sasha Waltz: Aber zunächst müssen wir uns darauf konzentrieren, die Compagnie neu aufzubauen und zu etablieren. Wie beim Wechsel von den Sophiensælen werde ich auch jetzt versuchen eine neue Kerngruppe zu bilden, bestehend aus Teilen des bisherigen Ensembles, das sich durch neue Tänzer verjüngen wird. So ein Wechsel ist sehr wichtig, ich brauche dafür viel Zeit und Freiraum, ich muss spüren was zwischen den einzelnen Tänzern passiert, ganz unabhängig von einem Thema, das ist essenziell. Meine Compagnie, das ist wirklich der Kern der ganzen Kreativität. Jochen Sandig: Deswegen haben wir uns gegen das Nationalballett von Marseille entschieden haben. Einfach eine Ballettensemble von 36 Tänzern zu übernehmen, das hätte nicht funktioniert. Wir sind sehr froh, dass wir uns für Berlin entschieden haben. Wir sind jetzt unsere eigenen Gesellschafter, das gesamte Risiko liegt bei uns. Das ist auch ein Reiz, es setzt bei uns allen unglaubliche Energien frei, es ist unfassbar, wie schnell alles auf einmal geht. Wir wollen uns hier nicht als perfektes Ersatzmodell preisen, wir nutzen den "Tanker" Schaubühne ja weiterhin ohne die Lasten des täglichen Betriebs mittragen zu müssen. Aber wir bezahlen auch einen Preis dafür. Dass im Leitungsteam zu viele Leute mit jeweils eigenen künstlerischen Visionen saßen, daran haben wir uns in der Schaubühne alle ganz schön aufgerieben. Trotzdem haben wir das Haus nach vorne gebracht. Es ist ein lebendiges Theater mit einem neugierigen Publikum und daran waren wir alle beteiligt. Man trennt sich, um weiter zusammenzuarbeiten. Das Gespräch führte Michaela Schlagenwerth. |