In der Kritik '82 - '92

 

Rekonstruktion eines Klangbildes?

[...] Offenbar kommt es immer mehr in Mode, Versuche einer Rekonstruktion des Klangbildes und der Spielweise alter Musik zu unternehmen. Man gräbt nach alten Handschriften, verwendet Originalinstrumente der jeweiligen Zeit und ruft damit in dem Laien die Vorstellung wach, als höre er die Musik so, wie sie in ihrer Entstehungszeit geklungen hat. Doch da beginnt nach meiner Sicht bereits die Misere. [...] Was mir an all diesen Experimenten überhaupt nicht zusagt ist dies, daß der Laie ohne Kommentar etwas übergestülpt bekommt, mit dem er gar nichts oder nur bedingt etwas anfangen kann. [...]  Ich finde das unfair. [...]

(Märkische Union, 8./9. Mai 1982, Gerda Reinhold)

Lebendiges Musizieren

[...] Diskussionen löste indessen eine Sonate für zwei Violinen und Basso Continuo aus, die meines Erachtens zu leichtfüßig und grazil für solch einen kraftvollen Menschen, wie es Händel war, umgesetzt wurde. [...]

(Volksstimme Magdeburg, Juni 1983, Ingeburg Friedrich)

Klangmixturen auf Fiedel und Flöte

[...] Bestachen von vornherein Wartung und Pflege der Instrumente, so auch im Verlauf des gesamten Abends das ständige erfolgreiche Bemühen der Künstler, Barockviolinen und -viola, Travers- und Blockflöte mit den Basso-continuo Instrumenten zu idealer Klangwirkung zu bringen. [...]

(Märkische Volksstimme, 21. Juni 1983, E. K.)

Betont nüchtern gespielt

[...]  Jedoch wurde ihr betont nüchternes Spiel – hervorgerufen durch ihre bewusste Aufführungspraxis und den Verzicht auf das Vibrato – nicht durchweg vom Publikum positiv aufgenommen. Hier gibt es sicherlich verschiedene Ansichten, doch sollten sich die Instrumentalisten, die sich für jedes dargebotene Werk musikalisch stark engagierten, einmal überlegen, ob mit der Art ihrer Wiedergabe der einzelne Konzertbesucher einverstanden ist.

(Vielleicht Magdeburger Volksstimme, 1984)

Musik Bachs auf originellen Instrumenten

Gewiß wird nicht jeder sofort dem zunächst spröder scheinenden Klang der alten Instrumente gegenüber aufgeschlossen sein, nicht ohne Gründe nahm die Entwicklung des Instrumentalbaus Ende des 18. Jahrhunderts an Tempo zu. Doch es überzeugt der tiefe Ernst, mit dem die jungen Leute ihre selbstgestellte Aufgabe lösen: mit technischer Beschlagenheit, die erstaunlich ist, und einem historischen Sachverstand, der viel Wissen erfordert. [...]

(LVZ, 26.03.1985, R. S.)

Bach vom Gewandhaus bis zum Studentenclub

[...] Einen höchst vergnüglichen Abend konnten Bachfest-Besucher und Leipziger Studenten am vergangenen Sonnabend in den Gewölben der Moritzbastei erleben. Folklore der Bachzeit und Musik des Meisters und seiner Zeitgenossen erklang im FDJ-Studentenklub. Mit einem durchdringenden Hirtenhornsignal der „Thüringischen Spielleut“, einem Ensemble, das auf Maultrommeln, Birkenblatt und Schalmei eine den originalen Bergmanns- und Hirtenweisen sehr nahekommende Musik macht – wurde das Publikum begrüßt, mit Musik der Gruppe „Horch“ entlassen. Zwischendurch Dudelsackpfeifer und „ernste“ Musikstudenten, die wunderbar kultiviert auf historischen Instrumenten spielende, aus jungen Berliner Musikern bestehende „Akademie für Alte Musik“ mit Bachs anspruchsvoller h-moll Orchestersuite, Folklore und Tanz, das neue „Kammerkonzert Nr. 1“ von Erik Kross, musiziert vom „Heureka-Dezett“ auf Kunst- und Volksinstrumenten des 18. Jahrhunderts. [...]

(Junge Welt, Irene Tüngler, März 1985)

Frisch und geistvoll musiziert

[...] Man kann das Ensemble auf seinem Weg eines natürlichen und geistvollen Musizierens sowie einer gesunden Entdeckerfreude nur bestärken und es zum bisherigen Ergebnis beglückwünschen.

(LVZ, 19.3.1986)

Den Musikern Applaus

[...] Viel Beifall und Zustimmung seitens des Publikums. Frage: Wann entdeckt die Schallplatte die Akademie für Alte Musik Berlin?

(Sächsisches Tageblatt, tfr, 20.3.86)

„Leib und Seel’ begeistern“

[...] Das auf alten Instrumenten bzw. auf Kopien derselben musizierende Ensemble versteht sich als Kollektiv gleichberechtigter Musiker. So mögen denn hier auch die Namen fehlen und ohne Einschränkung anerkannt werden, daß die „Akademie für Alte Musik Berlin“ dank ihrer maßstabssetzenden Interpretationen inzwischen zu den international führenden Ensembles dieser Art gezählt werden darf. Persönliche Eitelkeit oder Drang nach Darstellung eigener Virtuosität treten hier ganz und gar zurück hinter das Bestreben, einer für richtig erkannten Sache zu dienen. [...]

Klänge wie auf Taubenfüßen

Dennoch gab es dabei im Großen Saal des Schauspielhauses (der kleine wäre allein angemessen gewesen) aufgrund der akustischen Gegebenheiten und der betont subtilen Vortragsart klangliche Disproportionen. Es ist nicht gerade vergnüglich, wenn man beispielsweise den Part der alten, schon ein wenig tonschwachen Flöte bisweilen selbst im Inneren ergänzen muß, weil er streckenweise sich im weiten Raum verliert oder vom Cembalo (!) und den beiden Celli zugedeckt wird. Solche Musik in solch historischer Besetzung und dementsprechender ganz konsequenter Umsetzung ist eben an bestimmte Voraussetzungen und Räume gebunden. Man nennt sie wohl auch Kammermusik. Das sollte man nicht außer acht lassen.

(Neue Zeit, es, 3.10.1986)

Erkundungen in historischer Spielpraxis

[...] Die Gruppe hat keinen künstlerischen Leiter und arbeitet nach demokratischen Prinzipien.  Ihre Musiker, deren Durchschnittsalter 25 Jahre beträgt, kommen freiwillig zusammen, entscheiden sich gemeinsam für das zumeist von Ensemblemitgliedern empfohlene Repertoire, diskutieren über Spielweisen und ästhetische Maximen, um das so Erarbeitete letztlich öffentlich zur Diskussion zu stellen.                                         Der Beginn dieses freiwilligen Miteinander-Musizierens liegt in den Jahren 1973 bis 1975. [...] Daß ein Nebeneinander von (dienstlich gehandhabtem) modernem Instrumentarium und (privat gespielten) historischen Instrumenten enorme technische Probleme aufwirft, kann hier nur angedeutet werden, genauso wie die wirklich großem zeitlichen Opfer, die dem „Hobby“ gebracht werden. [...]

(Ingeborg Allihn, Musik und Gesellschaft, Juli 1987, 37. Jahrgang)

Stilsicherer Vortrag

[...] Die Akademie für Alte Musik aus Ost-Berlin zeigte mit dem vom Publikum überaus freundlichen Vortrag , daß sich auch DDR-Musiker mittlerweile an authentische Musizierpraktiken Alter Musik (beziehungsweise was man dafür hält) orientieren. Originalinstrumente mit Darmbespannung und vibratoarmes Geigenspiel sind da ebenso selbstverständlich wie klangliche Dürre und Intonationstrübungen. [...]

(NRZ, Pedro Obiera, 5.12.88)

Die Mottenkiste wird zugeklappt

Warum gab es in der DDR bisher fast keine nennenswerten Ensembles für originalklangliche Aufführungen alter Musik? Das lag nicht nur an ungenügender Ausbildung, an fehlenden Qualitätsinstrumenten und wissenschaftlicher Einigelung (hieran auch), es lag vor allem an der Mottenkiste marxistischer Ideologiekritik, die sich um das „richtige“ Bewußtsein kümmerte, nämlich, „daß die Musik aus dem Konservatismus des schönen Scheins entrückt wird in einen progressiven dialektischen Prozess“. [...]

(Kölner Rundschau, J. Schwermer, 10. März 1990)

Instrumente für die „Kammer“

[...] Es ging also um alte Musik, hier um Barockmusik, die in dem Stil aufgeführt wurde, von dem man derzeit meint, er sei so damals praktiziert worden. Inzwischen hat man überall gelernt, das in diesen Gremien verpönte Vibrato durch besonders akkurate Phrasierungen, Artikulierungen und eine lebendige Gestaltung zu ersetzen. Die Streicher der Akademie befleißigten sich einer besonderen Akzentuierung und erfreulicherweise auch der Auslotung der melodischen Linien, gekoppelt mit dem Versuch, dabei Crescendi und Decrescendi zu vermeiden zugunsten der Terrassendynamik, wie sie damals praktiziert wurde. [...]

(Potsdamer Stadtanzeiger, 17. Juni 1991, Gerda Reinhold)