Die Entwicklung

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Unter der Überschrift „Rekonstruktion eines Klangbildes?“ las man 1982 in der Zeitung „Märkische Union“ über ein Konzert der Akademie in der Potsdamer Friedenskirche: „Was mir an all diesen Experimenten überhaupt nicht zusagt ist dies, dass der ahnungslose Laie ohne Kommentar etwas übergestülpt bekommt, mit dem er gar nichts oder nur bedingt etwas anfangen kann. (So gingen aus der Sommermusik bereits nach dem ersten Werk eine erhebliche Anzahl einzelner junger Menschen hinaus, später noch einige).“

Zu diesem Zeitpunkt war die „Akademie für Alte Musik Berlin“ noch ein Ensemble von jungen Musikern bzw. Musikstudenten, die sich in ihrer Freizeit mit „Originalinstrumenten“ abplagten. Ganz bewusst an das Vorbild der „musikalischen Akademien“ der Musiker Friedrichs des Großen anknüpfend, traf man sich zunächst im privaten Kreis zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit „alter“ Musik, vor allem der Musik Johann Sebastian Bachs. Die gemeinsame musikalische Arbeit auf demokratischer Basis, also ohne Dirigenten oder Leiter, war sicher ebenso neu wie eventuell provokant. Dieser neue Ansatz in Verbindung mit dem zu jener Zeit in der damaligen DDR noch wenig verbreitetem Ideal vom „Originalklang“ war Grund genug zur Skepsis, vor allem von Seiten offizieller Stellen. Trotzdem fand man über private Kontakte bei regelmäßigen Konzerten in der Humboldt-Universität schnell ein begeistertes und beständiges Publikum. Mit der Wiedereröffnung des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt 1984 wechselte die Akademie mit ihrer Reihe in das neue Haus. In Vorbereitung des großen musikalischen Jubiläumsjahres 1985, den 300-Jahr-Feiern für Händel und Bach, wuchs auch das offizielle Interesse. Einzelne, wie der Mitbegründer Stephan Mai, durften erstmals zu den legendären Kursen der Innsbrucker Sommerakademie ausreisen und knüpften so die ersten persönlichen Kontakte zu Kollegen aus dem westlichen Teil der Welt. 1985 dann die erste Aufnahme: Telemanns „Doppelkonzert“ und seine Suite „Don Quichotte“, ein Concerto grosso Geminianis und ein Flötenkonzert von Blavet hatte man sich vorgenommen. Aufnahmeort war die für ihre Akustik berühmte Dresdner Lukaskirche. Mit dieser ersten Schallplatte wurde die Berliner Akademie, von Insidern liebevoll „Akamus“ genannt, erstmals einem breiteren Publikum bekannt. Zeitgleich erschien die mit der damals revolutionären Digitaltechnik aufgenommene Scheibe in der DDR und der Bundesrepublik. Nicht ohne Folgen: Nach bis zur letzten Minute nervenraubenden Ausreiseformalitäten konzertierte die Akademie am 6. Dezember 1986 erstmals im Westen Deutschlands, bei dem vom WDR ausgerichteten Festival Alter Musik in Herne. Bis zur „Wende“ 1989 folgten u.a. Konzerte in Innsbruck und Bremen, bei den Regensburger Tagen der Alten Musik, beim Utrecht Festival und in „Westberlin“. Kurz vor dem Ende der DDR, Anfang Juli 1989, dann die erste Zusammenarbeit mit René Jacobs: Angeregt durch die sommerlichen Innsbrucker Begegnungen, folgte Jacobs der Einladung der Akademie zu einer CD-Aufnahme nach Berlin Ost. Aufgenommen wurden Kantaten und Oden für Alt von Georg Philipp Telemann. Aufnahmeleiter war übrigens schon damals Eberhard Geiger, der später ab 1994 bis heute fast alle in Berlin produzier­ten CDs der Akademie und René Jacobs betreut hat.

Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde vieles möglich. Unter dem umsichtigen Management des damaligen Flötisten Ernst-Burghard Hilse wuchsen die Aufgaben der Akademie ständig: 1992 entstand die bis heute fruchtbare Zusammenarbeit mit dem RIAS-Kammerchor unter Marcus Creed, 1994 wurde ein Exklusivvertrag mit dem französischen Label harmonia mundi france abgeschlossen. Als Folge dieser Entwicklung wagten viele „Akamusen“ den Sprung in die Selbständigkeit und gaben ihre Festanstellung in den verschiedenen Berliner Sinfonieorchestern zugunsten der Akademie auf.

In den letzten Jahren konnte der Arbeitsumfang nochmals fast verdoppelt werden. Regelmäßig ist „Akamus“ nun zu Gast in den großen Konzerthäusern Europas wie der Londoner Wigmore Hall, dem Brüsseler Palais des Beaux Arts, dem Pariser Théatre des Champs-Elyssées, der Züricher Tonhalle und dem Wiener Musikverein. Im Jahr 2000 standen knapp einhundert Opernvorstellungen und Konzerte im Kalender, darunter Auftritte in Bangkok und Singapur. An die 1.000.000 bislang verkaufte Tonträger haben geholfen, den internationalen Bekanntheitsgrad des Ensembles stetig zu heben.

Die oben dargestellte Entwicklung wird noch deutlicher, wenn man das in dem Alte-Musik-Fachblatt "AMA" erschienene Interview liest. Noch kurz vor dem Ende der DDR war für den  Geiger Stephan Mai und dem Flötisten Ernst-Burghard Hilse die Entwicklung, die mit dem Fall der Mauer folgen sollte, gänzlich undenkbar. Insofern stellt dieses Gespräch ein eindrucksvolles Zeitzeugnis dar:

ALTE MUSIK AKTUELL - Aktuelle Informationen über Alte Musik (Februar 1988, Nr. 2)

IM GESPRÄCH : Akademie für Alte Musik Berlin

Die Akademie für Alte Musik Berlin (AK) ist das zur Zeit renommierteste Ensemble der DDR in Sachen Alter Musik. AMA hatte die Gelegenheit mit dem Flötisten Ernst-Burghard Hilse und dem Geiger Stephan Mai zu sprechen.

AMA: Wie sieht eigentlich die Arbeitsweise in Ihrer Gruppe aus, z. B. wenn Sie neue Stücke erarbeiten?

AK: Jeder der Musiker kann seine Ideen und Vorstellungen zu einem Werk einbringen. Es geht eigentlich sehr demokratisch zu. Es gibt keinen, der nur vorne steht und sagt, so geht’s und nicht anders.  Diese Situation haben wir in unserem täglichen Orchesterdienst. Sie wissen, wir sind „hauptberuflich“ alle Mitglieder verschiedener Berliner Orchester. Da steht der Dirigent vorne dran und sagt, so wird’s gemacht, ob es jetzt gut oder schlecht ist. Die „Akademie“ hingegen ist eine ganz freiwillige Sache, die wir in unserer Freizeit machen, wo viele musikalische Ideen zusammen getragen werden und zu einem hoffentlich guten Gesamtergebnis realisiert werden. Wer allein kann schon alle Ideen haben?

AMA: Wie sieht die Konzerttätigkeit der Akademie aus?

AK: Wir erarbeiten pro Jahr etwa vier verschiedene Programme, mehr ist nicht drin. Diese Programme laufen im Schauspielhaus Berlin, das sozusagen unserer musikalische Heimat ist. Alles andere, was sich an Konzerten anbietet, muß sich um diese Programme gruppieren. Unser Nachteil ist gegenüber den westlichen Profitruppen, daß wir ein Programm maximal drei- bis viermal spielen können, mehr schaffen wir nicht. Die spielen ihre Programme bis zu dreißig Mal, und das setzt sich dann. Wir geben etwa zwanzig Konzerte pro Jahr, aber das ist schon das Äußerste. Unsere Konzerttätigkeit richte sich nicht nach den Angeboten, da haben wir immer zu viel, sondern nach unseren Möglichkeiten, die durch die Orchesterdienste stark eingeschränkt sind. Die Mitglieder der Akademie spielen in fünf verschiedenen Berliner Orchestern, alle haben andere Dienste. Sie können sich vorstellen, gemeinsame Proben und Konzerttermine zu finden, ist dabei nicht einfach. Aus diesem Grund machen wir sehr viele Detailproben und höchstens vier oder fünf Gesamtproben.

AMA: Besteht die Möglichkeit, daß die Mitglieder der „Akademie“ einmal voll professionell arbeiten, d. h. ihre Orchestertätigkeit aufgeben und nur noch als „Akademie“ existieren?

AK: Nein, das ist undenkbar. Es gibt in unserem Land seit eh und je keine Kammermusikvereinigungen, kein Streichquartett, kein Trio, kein Kammerorchester, das professionell arbeiten kann. Das hat der Staat bisher nicht zugelassen und ich kann die Motive auch ein bißchen verstehen. Wenn solche Ensembles staatlich subventioniert würden, hat der Staat natürlich Angst, daß die Mitglieder solcher Truppen, wenn sie einmal nicht mehr ihr Niveau halten können, alt werden, dem Staat erheblich auf der Tasche liegen.

AMA: Ich dachte dabei nicht an ein „Staatsorchester“, sondern mehr an „Freiberufler“, wie es ja im Westen die meisten Gruppen und Ensembles der alten Musik sind.

AK: Die Konsequenz wäre dann, daß wir in den Orchestern kündigen, aussteigen und sagen, wir ziehen das mit der alte Musik durch. Das würde aber auch bedeuten, daß wir den ganzen Westmarkt erschließen müssen. Wir können von dem Bedarf an Alter Musik im eigenen Land nicht leben, das kann man nicht durchhalten. Man muß sich öffnen und das hat wiederum zur Folge, daß man sehr viel reisen muß. Jedoch haben viele unserer Mitglieder Familie und dieses Familienleben möchte man dann nicht, bedingt durch das viele Reisen, riskieren. Das ist die eine Seite. Nun gibt es aber auch noch einen Punkt, der mir sehr wesentlich erscheint. Diese Zweigleisigkeit (Orchesterdienst – Akademie) hat für uns auch Vorteile: Die Akademie: das ist unser Hobby, das macht uns unheimlich Spaß. Was die Ensembles im Westen betrifft, so ist das deren Beruf, die müssen davon leben. Da herrscht ein gewisser Druck und Zwang , der vielleicht auch negative Auswirkungen hat. Alte Musik kann dann zum „Dienst“ werden. Ich würde annehmen, wenn unser Ensemble professionell werden würde, würden wir sehr viel von unserem Eigenen verlieren. Vieles von unserer Musik lebt von diesem Problem und von dem, was es für uns Besonderes ist.

AMA: Wie sind Sie dazu gekommen, Barockmusik auf historischen Instrumenten zu spielen?

AK: Auslöser war ein befreundeter Instrumentensammler, der eine große Anzahl von historischen Streichinstrumenten besaß, die er uns zur Verfügung stellte. Die Instrumente waren zum Teil in katastrophalen Zustand und mußten erst einmal spielbar gemacht werden. Unser Ensemble spielte schon vorher Barockmusik auf modernen Instrumenten, wo wir versucht haben, alte Spielpraktiken auf modernen Instrumenten zu verwirklichen. Natürlich waren wir auch sehr durch Aufnahmen von Harnoncourt inspiriert. Die Umstellung auf die alten Instrumente brachte dann auch Personalumbesetzungen, weil es für einige Mitglieder nicht möglich schien, auf diesen Instrumenten zu spielen. Ein weiterer wichtiger Punkt waren unsere Aufenthalte in Innsbruck bei der Sommerakademie, wo wir doch eine Menge gelernt haben.

AMA: Wie steht es mit dem historischen Instrumentenbau in der DDR?

AK: Wir versuchen seit Jahren für das Ensemble einen Stamm an Instrumenten heranzuschaffen. Das ist bei Blasinstrumenten nur über Westeuropa möglich. Es gibt im ganzen Musikland DDR nicht einen Mann, den wir haben bewegen können, mal Instrumente zu kopieren. Dabei gibt es in vielen Museen im Lande hervorragende Originale. Es würde sich lohnen. Aber es ist ja auch nicht damit getan, mal einmal so ein Instrument zu kopieren, sondern man muß bauen, bauen und nochmals bauen und vielleicht ist das zwanzigste dann das erste, was schon recht ordentlich ist. Aber da findet sich hier niemand, also sind wir da auf Westeuropa angewiesen. Wir haben da auch einen sehr freundschaftlichen Kontakt zu Stefan Beck in Berlin, dem wir zu großem Dank verpflichtet sind und der uns nahezu selbstlos unterstützt. Zu den Gebrüdern Thein in Bremen, sie stellen Barocktrompeten und Barockhörner her, haben wir auch guten Kontakt. Einer von ihnen war im vergangenen Jahr bei einer Restauratorentagung in Rostock und hat zusammen mit den anderen anwesenden Restauratoren eine Barocktrompete gebaut. Das Instrument ist hervorragend geworden. Friedemann Immer hat es geblasen und hat uns noch ein entsprechendes Mundstück geschickt und so baut sich langsam ein Mosaik zusammen, doch so was dauert drei bis vier Jahre, bis sich da was bewegt. Leider scheint eine solche Inspiration jedoch nicht zu genügen, um unsere Instrumentenbauer anzuregen, selbständig mit Akribie sich dahinter zu klemmen.

AMA: Gibt es in der DDR noch vergleichbare Gruppen? Tut sich da was? Hat Ihre Gruppe eine Art Initialzündung für die Alte Musik in der DDR?

AK: Es gibt keine Ensembles, die sich in dieser Weise mit der Alten Musik beschäftigen. Es gibt in der DDR vier Musikhochschulen, aber keine interessiert sich dafür. Wir haben in Berlin an der Humboldt-Universität  in der musikwissenschaftlichen Abteilung Vorlesungen gehalten und das Echo war sehr bescheiden.