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Das
Musikleben Berlins im 18. Jahrhundert und die historischen Wurzeln der Akademie
für Alte Musik Berlin
Academie
ist ein wort das eine Versammlung von Künstlern Bedeutet, die an einem ihnen
angewiesenen ort, zu gewißen Zeiten Zusammen kommen, um sich mit einander über
ihre Kunst freundschaftlich zu Besprechen, sich ihre Versuche, Einsichten und
Erfahrungen mitzutheilen, und einer von dem anderen zu Lernen, sich mit einander
der Vollkommenheit zu nähern suchen. Mit diesen grammatikalisch kurios
geschriebenen Worten, am 23. Oktober 1783 zu Papier gebracht von Daniel
Chodowiecki, dem Maler, Kupferstecher und von 1798 bis 1801 Direktor der königlich-preußischen
Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften, wird der
Akademie-Gedanke gleichsam auf den Punkt gebracht. Im freundschaftlichen Diskurs
sollen sich Könner, Meister ihres Fachs, der künstlerisch-ästhetischen
Vollkommenheit nähern. Im Jahre 1696 hatte der nach der Königswürde strebende Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg eine Academie der Mahl-, Bild -und Baukunst gegründet. Denn für den königlichen Glanz und seine staatliche Repräsentation spielten die Künste eine entscheidende Rolle. Nachdem sich der Kurfürst in Königsberg 1701 zum preußischen König Friedrich I. gekrönt hatte, begann daher in seiner Residenzstadt und ihrer näheren Umgebung eine rege Bautätigkeit: zahlreiche Schlösser, das Zeughaus und weitere Staatsbauten entstanden, das Stadtschloß wurde zu einer der größten deutschen Schloßanlagen umgebaut. Diesem politisch motivierten Repräsentationsbedürfnis ist auch die Gründung der Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften - wie sie fortan hieß - zu verdanken. Nach ihrem vielversprechenden Anfang geriet sie jedoch ab 1713 unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. und nochmals ab 1740 unter seinem in den Künsten einseitig auf Frankreich fixierten Nachfolger Friedrich II., der den Deutschen jegliches Kunstverständnis absprach, über lange Strecken ins Abseits der europäischen Entwicklung. Erst nach 1786, dem Todesjahr Friedrich II., konnte die Institution allmählich ihrem inhaltlichen Anspruch wieder gerecht werden. Und noch später, im Jahre 1833, wurde nach jahrzehntelangem Kampf, eine Sektion Musik an der königlich-preußischen Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften eingerichtet, initiiert von Carl Friedrich Zelter, dem 1832 verstorbenen Leiter der Berliner Sing-Akademie. Doch
was die offizielle Kunstrepräsentation im 18. Jahrhundert versäumt bzw.
ignoriert hatte, wurde insbesondere durch eine Gattung: die Musik, im privaten
bzw. halböffentlichen Raum wettgemacht. Zögerlicher als in anderen Staaten war
das Bürgertum im nach wie vor ständisch gegliederten Königreich Preußen
erwacht. Als mit dem Regierungsantritt Friedrich II. 1740 dann auch noch ein musicalisches
seculum begann, wurde besonders die Musik zum bevorzugten Betätigungsfeld
der Bürger. Während sich der König von seinem Baumeister Wenzeslaus von
Knobelsdorff ein repräsentatives Opernhaus auf dem Reitweg Unter den Linden
bauen ließ, das im Dezember 1742 festlich eröffnet wurde, versammelten sich
die kunstinteressierten Bürger in ihrem Häusern zum gemeinsamen Tun. Als einer ihrer ersten Initiatoren gilt der Contraviolonist der königlich-preußischen Hofkapelle, Johann Gottlieb Janitsch (1708-1763). Dieser stand bereits seit 1736 als Cammermusicus in preußischen Diensten, damals noch in den kronprinzlichen Residenzen Ruppin und Rheinsberg. Nach dem Regierungsantritt Friedrich II. siedelten auch die Musiker seiner Privatkapelle, nunmehr Mitglieder der sehr bald vorzüglichen königlich-preußischen Hofkapelle, in die Residenzstadt über. Darunter Johann Gottlieb Janitsch. 1738, noch in Rheinsberg, hatte er in seiner Wohnung gemeinsam mit Gleichgesinnten eine Musikalische Akademie gegründet. Kaum in Berlin angekommen, setzte er die Zusammenkünfte alle Freytage in seiner Wohnung hinter dem Jägerhof fort. Friedrich Wilhelm Marpurg, der sorgfältige Chronist des Berliner Musiklebens, berichtet, daß hier von den geschicktesten Herren Musici, vorzüglichen Musikverständigen aus der Capelle, ... als auch (von) Standespersonen ... und andern geschickten Privatmusicis und Liebhabern ... sehr angenehme und wohlgesetzte Stücke aufgeführet wurden. Neben
dem Hof-Musicus saßen der selbst musizierende Adlige und der damals noch
keineswegs mit einem negativen Akzent belastete Dilettant, der Musikliebhaber.
Das, was die staatliche Öffentlichkeit dem Bürger versagte, konnte hier im
privaten Raum praktiziert werden: ein musikalischer Diskurs, von Gleichen unter
Gleichen in Szene gesetzt, ohne Ansehen des sozialen Herkommens und
gesellschaftlichen Standes. Schon
bald machten in Berlin weitere private Musizierkreise von sich Reden. Eine ihrer
bedeutendsten ist die 1749 gegründete Musikübende Gesellschaft. Ihre
Mitglieder kamen anfangs ebenfalls in einer Privatwohnung zusammen, um vokale
und instrumentale Musik aufzuführen. 1755 wirkte die Vereinigung an der Uraufführung
von Carl Heinrich Grauns Passionsmusik Der Tod Jesu im Berliner Dom unter
Leitung des Komponisten mit. Weitere Musiziergemeinschaften waren die Musikalische Assemblée des Königlichen Kammermusik Christian Friedrich Schale, der ab 1764 Domorganist wurde, oder das Concert des Hofkapellmeisters Johann Friedrich Agricola, das ab 1770 als Liebhaber-Concert im Corsikaschen Haus unter der Leitung von Johann Friedrich Benda und Carl Ludwig Bachmann weiter geführt wurde. Ihnen allen ist gemeinsam, daß die Musiker der Hofkapelle hier gleichsam ihr zweites Betätigungsfeld fanden. Denn während sie bei ihrem Brotherren, dem durchaus musikliebenden, sogar komponierenden und selbst musizierenden preußischen König Friedrich II. dessen künstlerisch-ästhetisches Ideal - und das waren ausschließlich Werke von Johann Adolf Hasse, Carl Heinrich Graun und Johann Joachim Quantz - teilen mußten, konnten sie in diesen privaten Musizierkreisen zu ästhetisch neuen Ufern aufbrechen. Gespielt wurden - in der Regel vom Blatt - sowohl eigene Kompositionen als solche nach dem neuesten Gusto, dem vermischten Geschmack und dem empfindsamen Stil. Eine Programmzusammenstellung, die Johann Friedrich Reichardt 1775 an der berlinischen Musik begeistert lobte: Keine beut unserm Verstande so viel Unterhaltung, so viel Nahrung, als sie. Mit
der Gründung der Concerts spirituels in der Fastenzeit der Jahre 1783 und
1784 durch den Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt und des Concerts für
Kenner und Liebhaber 1787 durch den Musikverleger Johann Carl Friedrich
Rellstab wurden neue Maßstäbe gesetzt. Jetzt gingen den Aufführungen gründliche
Proben voraus, man musizierte in einem öffentlichen, allen zugänglichen Saal,
den man nach Erwerb eines Billettes betreten durfte, und es gab eine gedruckte
Programmeinführung. Das
bürgerliche Konzertleben war geboren worden. Der selbst Musik ausübende
Liebhaber mußte dem professionellen Musiker auf diesem öffentlichen Podium
weichen, der Virtuose wies den Dilettanten zunehmend in seine Grenzen. In
dieser spannenden Aufbruchsphase des öffentlichen Musiklebens in Berlin, in der
Musikalischen Akademie des Johann Gottlieb Janitsch genauso wie im
Concert für Liebhaber und Kenner hat die Akademie für Alte Musik
Berlin ihre ideellen Wurzeln. |